Jahrgangsübergreifende Klasse – Die Raben

Um den sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder gerecht zu werden, gründeten wir 2010 eine jahrgangsgemischte Klasse, in der inzwischen Kinder vom ersten bis zum vierten Schuljahr gemeinsam lernen.

Immer gibt es Kinder, die bei der Einschulung schon lesen können und andere, denen das auch ein Jahr später noch sehr schwer fällt. Um Frust durch Langeweile oder Überforderung zu verhindern, suchen wir sehr individuell passende Aufgaben, die alle Kinder herausfordern und fördern. Schnell lernende Schüler haben die Möglichkeit, zunächst in Teilbereichen, später vielleicht auch komplett mit älteren Kindern zusammen zu arbeiten; andere, die mehr Zeit benötigen, können ein Jahr länger bleiben, ohne Klassenwechsel, ohne einen ganz neuen Start und eine Wiederholung am Ende des ersten Schuljahres.

Zugleich spielt das soziale Lernen eine große Rolle: Die Kinder lernen voneinander und miteinander – wie sie es aus dem Kindergarten schon kennen. Sie erleben sich mal als Hilfe suchender, mal als Helfender und machen dabei vielfältige positive Erfahrungen.

Der Unterricht ist geprägt durch ein Wechselspiel gemeinsamen und individuellen Arbeitens.

Gemeinsames Lernen

Gemeinsam besprechen wir zunächst die Grundlagen eines neuen Themas, sammeln Fragen und Ideen, die wir dazu haben  und planen die weitere Arbeit. In Gruppen – mal jahrgangsbezogen, meistens aber jahrgangsgemischt - beleuchten wir das Thema dann von allen Seiten. Wir kommen wieder zusammen, um aufgetauchte Probleme zu klären, Hilfen zu erbitten und um unsere Ergebnisse zu präsentieren. Gemeinsame Ausflüge und andere Aktionen spielen dabei eine große Rolle.

Regelmäßig treffen wir uns auch, um über unsere Erlebnisse zu berichten, um selbst verfasste Texte vorzulesen oder gelesene Bücher vorzustellen und natürlich auch, um Probleme zu besprechen, Streit zu schlichten und Pflichten zu verteilen. Auch das gemeinsame Musizieren, Spielen, Malen, Basteln und der Sportunterricht vertiefen das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Individuelles Lernen

Doch es gibt auch sehr individuelle Arbeitszeiten. Im Deutschunterricht erarbeiten sich die Kinder zunächst die Buchstaben und später die Rechtschreibung im eigenen Tempo mit Hilfe der bereitgestellten Lernhefte. Sie schreiben Geschichten oder lesen je nach ihren Fähigkeiten und Interessen kurze Texte oder dicke Bücher. Gerne lesen die älteren Kinder den Erstklässlern dann etwas vor. Sie erhalten dabei nicht nur Übung sondern v.a. Bestätigung, und die Jüngeren erleben, wie schön es ist, selbst lesen zu können.

Auch im Mathematikunterricht erhalten die Kinder häufig sehr individuell ausgewählte Aufgaben – zusätzliches Übungsmaterial oder herausfordernde Knobelaufgaben.

Diese Phasen individuellen Lernens nutzen wir, um in Kleingruppen oder in einer Einzelbetreuung Kindern neue Lernbereiche und Arbeitsmittel zu erklären oder Lernhilfen zu geben und um die Lernentwicklung jedes Kindes zu beobachten.

Wichtig sind auch Phasen Freien Arbeitens: Begonnene Aufgaben werden beendet, Dinge, die schwer fallen, werden geübt, neue Ideen werden allein oder mit einem Lernpartner umgesetzt. Dabei mischen sich die Altersgruppen schnell: der eine braucht jemanden, um seine Geschichte zu überarbeiten, die andere möchte Rechenaufgaben aus dem nächsten Schuljahr versuchen oder das Einmaleins wiederholen.

Unterstützt wird das Arbeiten durch organisatorische Maßnahmen:

Die Rabenklasse verfügt über einen zweiten Raum, in dem durch die Klassenbücherei, eine Bauecke und weitere Gruppen- und Einzeltische zusätzliche Möglichkeiten für unterschiedliche Arbeitsformen gegeben sind. In vielen Stunden ist die sozialpädagogische Fachkraft unserer Schule als zweite Lehrkraft dabei, sodass relativ ungestört Einzel- und Gruppengespräche geführt werden können.  Auch haben die älteren Kinder etwas mehr Unterricht als die jüngeren, sodass wir Zeit für schwierigere Themen und individuelle Hilfestellungen haben.

Fazit

Im jahrgangsübergreifenden Unterricht übernimmt jedes Kind ein Stück der Verantwortung für sein eigenes Lernen. Es lernt, seine Fähigkeiten einzuschätzen, angemessene Ziele zu finden und zu erreichen und sein Lernen zu reflektieren.

Das soziale Lernen hat aber keinen geringeren Stellenwert, denn jeder ist zugleich für das Lernen der anderen mitverantwortlich. Durch die gemeinsame Arbeit, durch tägliche Gespräche, durch Hilfeleistungen und das gemeinsame Spiel lernen die Kinder, Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer zu nehmen und einander unabhängig von den Fähigkeiten und Begrenzungen zu akzeptieren.